Nicht nur eine Sache des Alters

Interview: Susanne Rothe, 3&50exklusiv

Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon und neben der Steuerung der Sexualfunktion für viele andere körperliche und psychische Vorgänge zuständig. Nicht jeder Mann hat aber gleich viel Testosteron – und dies ist nicht immer eine Frage des Alters. Welche Probleme bei einem Defizit auftauchen, wie man es testet und was man dagegen tun kann, erklärt unser Gesundheitsexperte, der Bonner Urologe Matthias Schmidt.

Was ist Testosteron?
Testosteron ist das wichtigste Sexualhormon des Mannes. Es gehört zu den sogenannten Steroidhormonen, die aus Cholesterin gebildet werden. Sie sind daher fettlöslich und können so direkt von den Zellen aufgenommen werden. Aus Cholesterin wird Gestagen gebildet, aus dem wiederum DHEA entsteht, daraus wird dann Testosteron gebildet. Etwa 90 Prozent wird in den Hoden synthetisiert und die anderen zehn Prozent in den Nebennieren. Von dort wird es in die Blutbahn abgegeben und erreicht so seine Zielorgane.  

Wofür braucht man es?
Alle Sexualfunktionen werden durch Testosteron beeinflusst. Dazu gehören die Erektionsfähigkeit, die Libido (sexuelle Lust) und die Ejakulation. Aber Testosteron wird noch für viele weitere Stoffwechselvorgänge benötigt. Schon im Bauch der Mutter spielt das Testosteron eine wichtige Rolle für die Geschlechtsentwicklung. In der Pubertät sorgt es für das Wachstum des Penis und der Hoden. Auch der Stimmbruch bei Knaben, der Bartwuchs und die Körperbehaarung werden durch Testosteron vermittelt. Darüber hinaus ist es wichtig für die Fruchtbarkeit des Mannes, hier spielt es bei der Spermienreifung eine wichtige Rolle. Es hat entscheidenden Einfluss auf die Muskelzellen und die Blutbildung – Stichwort Doping –, es reguliert auch den Fettstoffwechsel, beeinflusst das Haarwachstum, hat positiven Einfluss auf Herz und Gefäße sowie auf den Knochenstoffwechsel. Nicht zu vergessen die Abhängigkeit der Gemütslage des Mannes vom Testosteron. Und die Liste könnte noch fortgesetzt werden – Sie sehen, ohne Testosteron geht nicht viel.   

Wie viel Testosteron ist normal?
Wenn Sie die Krankenversicherungen fragen, brauchen wir gar kein Testosteron, aber Spaß beiseite. Diese Frage ist schwierig, weil Testosteronspiegel im Sinne von Laborwerten, abstrakt betrachtet, nicht immer die Wahrheit zeigen. Ein Teil des Testosterons wird von einem Eiweiß gebunden (Sexualhormon-bindendes Globulin – SHBG) und somit inaktiviert. Entscheidend ist das im Blut frei zirkulierende Testosteron. Gibt es davon genügend, ist alles in Ordnung. Das kann auch bei niedrigen Gesamttestosteronspiegeln der Fall sein. Andererseits gibt es Männer, die haben genügend Gesamttestosteron, aber das meiste liegt in inaktiver Form vor. Dann haben wir ein Testosteron-Mangel-Syndrom bei normalen Werten. 

Wie testet man das?
Im Blut können alle wichtigen Parameter für einen Testosteronmangel getestet werden. Allein das Gesamttestosteron gibt nicht immer Aufschluss.

Der Testosteronspiegel schwankt im Laufe des Tages ...
Ja, die Hormonmenge schwankt saisonal und im Tagesverlauf – morgens ist sie am höchsten. Der Testosteronspiegel sinkt dann im Laufe des Tages, besonders z. B. nach schwerer körperlicher Arbeit. Auch infolge von zu viel Stress oder Alkoholgenuss kann der Spiegel sinken. Ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel dann im Jahr um etwa ein Prozent. Das kann über die Zeit zu einem echten Mangelsyndrom werden. Ein 60-jähriger Mann hat etwa ein Drittel weniger Testosteron als ein 30-jähriger.

Was passiert, wenn man dauerhaft zu wenig Testosteron hat? 
Eingangs erwähnte ich, wofür Testosteron wichtig ist. Die Vielzahl der Funktionen lässt schon die Vielzahl der Erkrankungen bei Testosteronmangel erahnen. Die wichtigsten in Kürze zusammengefasst sind:
- Libidomangel, Erektionsstörungen und Unfruchtbarkeit
- Müdigkeit, Lustlosigkeit, fehlende Energie im Allgemeinen bis hin zu Depressionen
- Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten
- fehlende Muskelkraft und nachlassende körperliche Leistungsfähigkeit
- Blutarmut
- Knochenbrüchigkeit (Osteoporose)
- Gewichtszunahme
- Entwicklung von Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- metabolisches Syndrom als ausgeprägte Form des Mangels
- Reduktion der Lebenserwartung 

Hat eine geringe Libido immer etwas mit zu wenig Testosteron zu tun?
Wenn die Partnerin als Ursache ausgeschlossen werden kann, ja.

Wie wird der Mangel behandelt?
Es gibt gute Hormonersatztherapien. Am häufigsten werden Testosterongels und Testosterondepotspritzen eingesetzt. Das Gel wird täglich aufgetragen und gewährleistet somit einen gleichmäßigen Testosteronspiegel. Depotspritzen werden je nach Wirkstoffmenge alle paar Wochen intramuskulär gespritzt. Unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle und bei richtiger Dosierung sind Nebenwirkungen sehr selten.

Kann man den Testosteronspiegel auch natürlich steigern?
Ja, da gibt es genug Ansätze. Am wichtigsten ist die Lebensführung. Reduktion von Übergewicht kann sich sehr positiv auf den Mangel auswirken. Männer bilden zumeist erheblichen „Bauchspeck“ aus. In diesem „Bauchspeck“ gibt es ein Enzym, eine Aromatase, welche Testosteron in Östrogene umwandelt, damit beginnt das Dilemma des Testosteronmangels. Mein Tipp: Bauchumfang auf ca. 100 Zentimeter reduzieren. Gesunde Ernährung, Sport, Vermeidung von Dauerstress, regelmäßige Erholungsphasen tragen darüber hinaus viel dazu bei. Es gibt Studien, die zeigen, dass ein normaler Zink- und Vitamin-D-Spiegel im Blut wichtig sind. Insbesondere Vitamin D scheint eine wichtige Rolle zu spielen, denn es ist eigentlich kein Vitamin, sondern gehört in die Gruppe der Steroidhormone, genau wie das Testosteron. Vitamin D wird zu einem großen Teil durch die UVB-Strahlung der Sonne im Körper gebildet, zu einem geringen Teil mit fetthaltiger Nahrung aufgenommen. Interessanterweise sind Krankheitssymptome bei Vitamin-D-Mangel in vielen Fällen denen des Testosteronmangels ähnlich. Leider fehlen verlässliche medizinische Studien. 

Gewiss ist jedoch, dass ein stressfreier Urlaub in der Sonne viel zum körperlichen Wohlbefinden beiträgt, nicht zuletzt, weil wir mehr Vitamin D und, ich bin sicher, auch mehr Testosteron produzieren.